Irgendwie ging das unter die Haut

Ich erinnere mich noch ganz genau an die ersten Schritte, damals – mit 6 Jahren –  noch in die Deweertstr. 118. Meine Mutter wollte – ich hingegen wollte da gar nicht hin, geschweige denn diesem fremden Mann ein Lied vorsingen…

Was für ein feiner Musiker und Pädagoge Franz Schneider wirklich war, habe ich natürlich erst viel später erkannt. Er kam direkt aus Dresden vom Kreuzchor, und er wusste offenbar genau, wie unsere Schnäbel zu wachsen hatten.

Und dann gab es das erste Weihnachtskonzert in der Friedhofskirche. Wir Singschüler saßen seitlich vom Konzertchor, und ich konnte den Dirigenten genau beobachten: Sang er etwa mit? Und bald erkannte ich, dass er ganz genau anzeigte, wie der Chor singen sollte. (Warum taten sie das bloß nicht, denn offenbar gab es auch was zu schimpfen.) Ich war ganz fasziniert über diese Handbewegungen, meist mit zum O geschlossenem Zeigefinger und Daumen, die kleinste Nuancen in Tempo und Dynamik anzeigten. Und irgendwie ging das unter die Haut…

Nun kurze Zeit später gab es sogar die erste Plattenaufnahme für Philipps – klar in der Billigserie, aber immerhin. Riesige Mikrofonstative, riesiges Mischpult, dicke Kabel… Ich war beeindruckt. Und da war dann dieser Mensch, der immer dann, wenn er den Chor abbrechen wollte, mit seinem Bleistift am Schwanenhals seines Mikrofons rubbelte, was einen ohrenbetäubenden Lärm im Lautsprecher verursachte, der jedes Weitersingen schlagartig unterband…

Ja, das war schon ein spannendes Leben als Kurrendaner, dem Bachmotetten schnell wichtiger waren als die Beatles, dazu kamen die jährlichen Freizeiten, die Konzerte, das „Adoramus te“ in der unglaublichen Akustik der Stiftskirche Admont, die Aufnahmen fürs Fernsehen…

Und als Hobby hatte der Knabe längst jedes Konzert der Kurrende mit Tonband aufgenommen. Später – schon in der Mozartstr. 35 – war es dann Franz Schneider, der die Idee hatte, ob nicht Tonmeister genau das richtige Studium für mich sei. Eine der ersten Platten in unserem Schallplattenlabel war dann auch eine Aufnahme aus der Immanuelskirche mit der Kurrende, der dann noch einige weitere folgen sollten. Eines ist bis heute geblieben: Der Anspruch als Aufnahme nur Musik herausbringen, die spannend interpretiert ist und dabei wirklich unter die Haut geht.

Werner Dabringhaus ist Diplom-Tonmeister und Mitinhaber der Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, ein Label das klassische Musik in audiophilen Aufnahmen produziert und weltweit anbietet.

 

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